Der Nordwesten der Baronie Erdély im Nordwesten Sembias war aufgrund der Armut seiner Bewohner weitgehend von Überfällen und Raubrittertum verschont geblieben. Hier lebte Joela Frasco auf einem kleinen Bauernhof, den sie mit ihrem Bruder und der verwitweten Mutter führte. Neben ein wenig Landwirtschaft war es vor allem der Handel mit Ziegenkäse und Kräutern, der Joela und die ihren ernährte.

 

Es war nicht viel, was sie dabei verdienten, jedoch reichte es zum Leben. Joelas Mutter, Sinad, war im Ort bekannt als Geschichtenerzählerin, die mit den Mythen und Legenden, welche sie zu erzählen vermochte, immer Scharen von Kindern um sich sammelte. Joelas Bruder Trinad war ein Hitzkopf, der sich mehr darauf konzentrierte mit den anderen Jugendlichen um die Wette zu laufen oder Sauftouren zu veranstalten, als dass er Joela gern zu Hand ging. Es fiel ihr nicht leicht, alles instand zu halten, jedoch seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sich geschworen, nie aufzugeben und dafür zu sorgen, dass ihr jüngerer Bruder und die alte Mutter keine Not leiden würden. Viele Männer warben um Joelas Hand. Zur Zeit jedoch stand ihr nicht der Sinn danach, sich zu vermählen. Bis eines Tages...

 

Als sie auf dem kleinen Markt des nahe gelegenen Dorfes, wie jede zweite Woche, ihre Ware mit ihrer sanften Stimme anpries, fiel ihr ein fremder großer Mann auf, der nicht wie ein gewöhnlicher Reisender aussah. Joela wusste nicht, was ihre Aufmerksamkeit auf ihn zog, ob es seine Kleidung war, die nicht ärmlich aussah oder einfach nur die Unruhe und Müdigkeit in seinen Augen. Ein Bündel um seine Brust trug der Fremde und ab und an streifte seine Hand fast zärtlich darüber. Joela streckte die Hand, in der sie einen mit Ziegenmilch gefüllten Becher hielt, in Richtung des Fremden: „Probiert und stärkt Euch, Reisender,“ richtete sie das Wort an ihn, als er an ihrem Stand vorbeilief. Der Mann warf ihr einen interessierten Blick zu. Seine Augen schienen sie zu mustern, so als ob er einen Gedanken abwägen würde. Sein dunkler, müder Blick wanderte ihren Körper entlang, bevor sich seine Hand um die ihre schloss und den Becher aus ihren Händen entgegen nahm. Er trank diesen mit einem Zug leer, es ging schneller als sie denken konnte. Der Becher flog in den Staub und stattdessen drückte ihr der Mann das Bündel, welches er von seiner Brust gelöst hatte in die Arme. Kurz bevor er verschwand hörte sie sein Flüstern dicht an ihrem Ohr. „Das ist Roshan, kümmere dich gut um ihn, es darf ihm nichts zustoßen! Irgendwann wirst du noch von mir hören, Händlerin.“ Sie war nicht schnell genug, um etwas zu erwidern. Noch bevor sie reagieren konnte war der Fremde weg. Man hätte meinen können, die Erde hätte ihn verschluckt. Unsicher und erstaunt schaute Joela um sich. Ihre Blicke suchten in jede Richtung, doch dann bewegte sich etwas in ihren Armen. Ihre Augen wanderten zu dem Bündel. Vorsichtig schlug sie die Stoffe etwas zur Seite. Ein Baby kam zum Vorschein. Ruhig lächelnd strahlten sie große blaue Augen an...

 

Ab diesem Tag veränderte sich das Leben auf dem kleinen Bauernhof. Die Fragen der Nachbarn hörten bald auf, als sie diese oft genug mit ein paar Lügengeschichten über ihre verstorbene Verwandte quittierte, deren Kind sie jetzt in Obhut genommen hätte. Nur ihr Bruder und ihre Mutter wussten, wie sie zu dem Baby kam. Jetzt musste auch ihr Bruder mehr für alle tun. Joela konnte sich nicht teilen, und das kleine Baby brauchte mehr Aufmerksamkeit als jemand anderes auf dem Bauernhof. Oft, wenn das Baby schlief, betrachtete sie sein Gesicht, das eine Tuch in den Händen haltend, auf dem mit goldenem Garn die geschwungenen Initialen R.N. gestickt waren. Es sagte ihr nichts, jedoch die Neugier, weshalb und warum dieses Baby in ihre Obhut gegeben wurde, wuchs von Tag zu Tag.


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